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Mötti

Auf neuen Wegen

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Mötti    285

Hier ein Bericht über meine erste Erfahrung im englischen coarse fishing auf die traditionelle Art mit Split Cane und Centrepin. Entgegen meinen üblichen Gepflogenheiten wird der Bericht an zwei Orten veröffentlicht:

Bei Stillvoll Fischen als Dank für die Unterstützung bei diesem Thema und bei haken.ch um meine Kollegen und Freunde dort auf diese Art zu Angeln aufmerksam zu machen.

Montag, 24.8.2017. Am Donnerstag will ich zum ersten Mal auf Karpfen gehen. Nicht mit dem Tackle das man gegenwärtig so verwendet, sondern mit einer alten Split Cane und einer alten Centrepin. Also mit Gerät das mehr Jahre auf dem Buckel hat als ich selber. Das wird spannend. Die Rute wird eine R. Chapman 550 (http://www.chapmanblanks.co.uk/?page_id=382) sein und zwar genau diese: http://www.stilvoll-fischen.de/threads/2780-Chapmans-of-Ware-MKIV-Carp-550-Wundersch%C3%B6n! Ich habe eine Abholeinladung im Briefkasten gehabt und freu mich schon auf morgen. Die Rolle die ich künftig für Karpfen verwenden will ist eine J. W. Young Seldex 3.5“. Die habe ich aber noch nicht. Deshalb wird mir zur Überbrückung eine feine J. W. Young Trudex in Grösse 4“ (http://www.jwyoungs.co.uk/trudex.htm) dienen. Wohl nicht ganz für Karpfen ausgelegt. Aber für einmal wird sie es schon machen und ob am Zürisee beim ersten Versuch ein Karpfen beisst ist mehr als unsicher. Die sind hier nicht gerade häufig. Nun lese ich ja ständig, dass man die Rüssler anfüttern muss. Also gut, dann mach ich das mal heute Abend, morgen und übermorgen. Zum ersten Mal koche ich für meinen Zielfisch. Es gibt eine feine Polenta für die Karpfen. Dazu noch Dosenmais und etwas Tubertini Grundfutter. Für mich gibt’s auch Znacht, habe aber keine Lust auf Mais: zwei Löffel Distelöl, zwei Löffel Essig, etwas Senf, Salz, Pfeffer, gehakte Essiggurke und etwas Zwiebel, zwei gewürfelte Tomaten und ein Pack geschnittenes Ochsenmaul, alles mischen. Dazu Baguette und ein Bier. Nach dem Essen radle ich an den Hafen Enge und bring etwas Futter aus, von Hand im Nahbereich.

Dienstag, 25.08.2017. Heute mag ich nicht anfüttern gehen. Das Wetter ist eine Katastrophe und meine Erkältung erheblich. Aber Daheim wartet ein gut verklebtes Abflussrohr auf mich und ich weiss was es drin hat. Eine neue Rute auspacken ist immer toll und eine Freude. Ich glaube aber nicht, dass ich mich schon mal beim ersten Kennenlernen glücklicher fühlte wie mit meiner neuen alten Rute. Mann ist die schön. Auf die Centrepin montiere ich an diesem Abend eine Toray Bawo Super Hard Polyamid Plus in 8lb in Ermangelung etwas dehnungsfreudigerem. Eine Maxima Chameleon 0.25mm ist unterwegs, aber noch nicht im Haus. So, noch einen Haken im Kleiderschrank montieren um die Chapman richtig lagern zu können und der Abend ist gelaufen.

Mittwoch, 26.08.2017. Soll ich heute wirklich anfüttern gehen? Eigentlich will ich doch fischen. Also kaufe ich mir meinen obligaten Fischer-Znacht (Landjäger, Büürli, Quöllfrisch), packe Daheim alles zusammen und mach mich auf den Weg. Auf der Hafenmauer angekommen mache ich mich daran alles zu montieren. Ich fühle mich wie in den Ferien unter verkehrten Vorzeichen. Immer wieder laufen Touristen bei mir vorbei und ich muss aufpassen, dass mir keiner auf meine Sachen trampelt. So verschreckt wie die Kinder mich anschauen und wegrennen muss ich einen ziemlich grimmigen Blick geworfen haben. Na so war’s ja nicht gemeint, bin doch nicht der Chindlifrässer. Zuerst versuche ich es mit einfacher Grundmontage. Schnur mit Klemmblei und Haken. Dann habe ich da noch so ein Teil das aussieht wie eine Springfeder mit Aufhänger. Eigentlich sind die zum Sichern von Gummiköder am Haken gedacht. Ich will da etwas Polenta dran pappen um die Maiskörner-Köder aufzuwerten. Geht ziemlich lang bis ich das Teil am Haken habe. Endlich geschafft und erster Wurf - meiner erster Nottingham Cast. Man greife mit der linken Hand wie ein Harfenspieler in die Schnur, die man mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger ab den unteren Ringen zieht, pendelt den Köder etwas hin und her und… erreicht eine äusserst bescheidene Reichweite. Nun ja, wurde eigentlich auch für das Angeln am Fluss ausgedacht. Bis ich mich an den Wallis Cast ran traue wird es wohl noch eine Sessions gehen. Dann wären andere Wurfweiten möglich (zumindest wenn ich ihn irgendwann auch kann). Was soll’s, für mein Vorhaben sollte das reichen. Das mir aber die Polenta vom Spiral-Dingsbums fliegt, ist aber weniger gut. Noch schlechter ist der hängerträchtige Grund, bei dem ich mir den Haken samt Dingsbums abreisse. Also dann halt mit einem kleinen Stucki Schlitzzapfen. Neuer Haken an die Schnur, zwei Maiskörner dran, noch etwas anfüttern und raus damit.

Chapman_550.thumb.JPG.165ca6e9fc6715c4adb7796e412f34fe.JPG

Es geht keine Minute und der Zapfen bewegt sich… und taucht ab. Fish on! Nein, kein Karpfen und leider keine Clicker-Musik von der Pin. Aber eine ordentliche Schwale und die macht richtig Freude an der Combo. Ich bin erstaunt, hätte ich bei einer Karpfenrute nicht gedacht. Aber gerade mit einer Pin fühlt das sich wirklich gut an. Ich hatte ja auch schon Schwalen an der Carbon-Spinncombo, aber das war uninteressant. Ein etwas längerer Kescher wäre für die Landung komfortabler, aber es geht noch so knapp ohne die Spitze zu stark zu belasten. Dann wird der Fisch versorgt. Nicht die feine englische Art obwohl ich mit feiner englischer Combo fische, aber man muss sich selber auch treu bleiben. Ich schlag zwar nicht alles ab, aber wenn nichts dagegen spricht verwerte ich meine Fische. Das sind auch nicht gerade viele und gut verteilt über die verschiedenen Arten. Langsam bekomme ich Hunger und mache mich über den Fischerznacht her. Dann wieder etwas anfüttern, zwei Maiskörner an Haken, noch etwas Landjäger dran damit es besser hält und raus damit. Es geht nicht lang und ich habe wieder eine Schwale am Haken. Und es bleibt nicht die letzte. Während der Touristenstrom nachlässt reisst es mit den Schwalen nicht ab. Nach Nummer sieben habe ich ein Problem, eines mit Federn. Die verfressenen Enten wollen meinen Schwimmer. Ich versuche sie zu verscheuchen, was natürlich nicht klappt. Aber irgendwann haben sie es gemerkt , dass was rot/schwarz und korkig ist nicht wirklich schmeckt. Ich bin erleichtert, hatte schon Angst ich müsse eine Ente landen. Was dann? Ich mag gar nicht dran denken. Dann wird es dunkel und mein letzter Fisch beisst an. Zeit zum Schlussmachen. Vier kleinere Schwalen und vier grössere Schwalen für einen glücklichen Fischer. Beim Zusammenräumen habe ich etwas länger. Etwas viel länger. Ich bringe die Rutenteile nicht mehr auseinander. Respektive fast nicht mehr, dann nach vielen Versuchen geht es dann doch. Ich hatte die Rute offenbar zu fest zusammen gesteckt. Na dann nun ab auf’s Tram. Auf dem Weg quatscht mich ein junger Typ an: „Händ’är öpis gfangä?“ – „Ja, Schwalä“ – „Walä?“ – „Schwalä“ – „Aha, Schwalä“. Dass er dabei nicht die Nase rümpft ist ein Wunder. Mit Weissfisch will bei uns kaum einer etwas zu tun haben und fast alle gehen auf Raubfisch. Aber kein Fisch ist in Zürich so verpönt wie das Rotauge. Bis vor wenigen Jahren schmissen ihn die Zünfter beim Sächsilüte-Umzug noch von den Wägen ins Publikum und auf die Balkone. Daheim werden die Fische noch filetiert, die Rute sauber versorgt und ab ins Bett.

Donnerstag, 27.08.2017. Ich wollte schon lange mal den Fleischwolf ausprobieren. Also gibt es Schwalen-Burger. Man nehme die Filets vom Vortag, ein halbe Zwiebel, ein Knobli, etwas Peterli, das innere von einem Büürli vom Vortag und lasse alles 2x durch den Wolf. Salz und Pfeffer dran, noch ein Ei rein kneten und weil es zu feucht ist noch etwas Weissbrot Fetzen rein. Etwas Schweineschmalz erwärmen, Tätschli formen und  braten. Ach nein, ich wollte die doch noch panieren. Zu spät, schon am bruzeln. Noch schnell einen Salat dazu anrichten – fertig. Än Guetä. Und ja, es ist gut. Fein im Geschmack und keine Gräten.

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Fazit:

Ich bin als Allrounder hier auf ein Nebengeleise der Fischerei gekommen, welches meines Wissens in der Schweiz selten praktiziert wird. Laufrollen und Wendelaufrollen werden zwar häufig verwendet, erstere insbesondere von Felchenfischern um mit der Hegene zu fischen und letztere vor allem zum Aeschen und Forellen fischen. Alte Centrepin sind glaube ich weniger verbreitet. Für Split Cane Ruten gibt es sogar in der Schweiz Hersteller die noch heute neue Ruten bauen. Soviel mir ist sind das dann aber Fliegenruten.

Für mich ist das Angeln mit diesem alten englischen Gerät etwas sehr erbauendes. Sicher geht das in Richtung Liebhaberei, aber es macht auch richtig Freude. Freude an der Angelei und dem direkten Kontakt zum Fisch, sowie Freude an Rute und Rolle. Ich will es vorläufig am Stillgewässer auf Karpfen und Schleie weiter betreiben und später dann am Fluss mich auf meine erste Barbe oder auch mal auf Alet versuchen. Auf Friedfisch im Nahbereich und am Fliessgewässer hat die Sache zumindest für mich durchaus ihre Berechtigung. Auch für Raubfisch mit KöFi könnte das mit entsprechender Rute und Rolle durchaus interessant sein. Ob für das Spinnfischen sich eine alte Split Cane Rute wirklich eignet, bin ich dann schon weniger sicher.

Gruss

Mötti

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