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romawe

Adventszeit

Empfohlene Beiträge

romawe    0
Es war auf der Heimreise aus der Schweiz.... bereits zeigte unser Tacho 1100 Kilometer seit Bern... gefühlte 3000..... Wir fahren meist in der Nacht los, um dann während des Tages die letzten 500 Kilometer fahren zu können.... die Strassen und vor allem die Fahrkultur unserer Mitbürger in Rumänien empfehlen dies.... Nachts ist es russisches Roulette und du weisst nie, was dir in der nächsten Kurve entgegen kommt.....

Wir befinden uns auf der Autobahn zwischen Budapest und Nadlac, dem Grenzdorf zu Rumänien... die Strasse ist fast neu, Asphalt wie im Bilderbuch und wir geniessen diese letzten Kilometer Zivilisation.... vor uns ein kleiner Konvoi von 4 Ducatos mit Anhänger. Alle mit der Aufschrift eines christlichen Hilfswerkes aus Deutschland.... langsam überholen wir die Fahrzeuge. Beladen bis unters Dach mit Weihnachtspaketen, Kartonschachteln und Plastiksäcken.... ja, die Adventszeit steht vor der Tür und das Armenhaus Europas kommt wieder vermehrt in die Gedanken der westlichen Welt.
Die Fahrer sehen so aus wie man sich eben christliche Hilfswerkmitarbeiter vorstellt.... Selbstlos, sozial-simpel und mit einem Hauch Hippie, aber mit einem grossen Herz, das auch dieses Jahr wieder viel Leid in unserer Region zu lindern versuchen wird. Geschenke können weder die Zukunft ändern noch Armut bekämpfen. Aber sie können für einen kurzen Moment alles vergessen machen... ein Spielzeug kann Kinderaugen zum leuchten bringen, eine Winterjacke kann eisige Kälte erträglich machen und ein alter Fernseher bringt manch einer Familie das Gefühl, nun auch dazu zu gehören.

Kaum haben wir die Kolonne von "Glücksbringern" überholt leuchtet unsere Tankanzeige... ein letztes Mal tanken bis Zuhause. Schnell sind die 40 Liter im Tank und die Tausende von Forinth wechseln den Besitzer. Und wieder sind sie vor uns, die Deutschen Jungs und Girls mit Tonnen von gespendeten Kleidern und Gegenständen. Und dann passiert das Unfassbare... keine hundert Meter vor uns schert eines Fahrzeuge aus, ein Rad fliegt durch die Luft, der Ducato kommt mit seinem vollbeladenen Anhänger ins Schleudern und kippt schliesslich zur Seite... Vollbremsung bei 120 Km/h.... Blick in den Rückspiegel, alles ok..... Sofort fahre ich an auf den Pannenstreifen und komme nur wenige Meter vor dem Unfallfahrzeug zu stehen. Die ganze Autobahn ist übersät mit Spendenmaterial.... es sieht aus, als hätte man...... ja was? Es kommt mir gar nichts in den Sinn, mit dem man das Bild vergleichen könnte.... doch ich renne zum Fahrzeug und nehme das Chaos nur in meinen Augenwickeln wahr.... im Innern des Fahrzeugs sehe ich zwei Personen, die sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien versuchen... unterdessen sind auch die Fahrer und Beifahrer der anderen Fahrzeuge des Konvois da... schnell ist klar, dass die beiden im Fahrzeug keine Verletzungen haben und nur versuchen, aus dem Fahrzeug zu kommen.... es ist gar nicht so einfach, aus einem Ducato zu steigen, der auf der Seite liegt. Da wird die Türe zu einem sehr schweren Deckel, den man erst mal aufdrücken muss.... Sekunden später stehen die beiden Glückspilze auf dem Auto und und können kaum fassen, was in den letzten zwanzig Sekunden passiert ist... aber beide sind wohlauf.

Schnell ist Polizei vor Ort und regelt den Verkehr, respektive versucht, eine Schneise zwischen Unfallwagen, Material und Mittelstreifen zu organisieren.... Zeit für mich, mich von der Gruppe zu verabschieden....

Es kann jeden treffen, auch den mit den besten Absichten. Man weiss nie, was kommt und was im nächsten Augenblick passiert. Aber offenbar gibt es doch so etwas wie Schutzengel für solche, die es verdient haben. Die beiden hatten keinen Kratzer und das nach einem krassen Unfall mit sicher 80 Km/h.....

Wir sind noch am selben Abend sicher zu hause angekommen. Aber auf dem Weg zurück in unser wunderschönes Transilvanien haben wir viel über das Erlebte gesprochen. Und uns auch wieder klar gemacht, dass wir uns glücklich schätzen müssen, ein schönes Zuhause zu haben und uns auf die kommende Weihnachtszeit freuen zu dürfen.

Auch wir werden dieses Jahr wieder eine Familie besuchen und Holz, Mehl, Mais, Salz und Zucker als Geschenk vorbei bringen. Spontan, ohne zu wissen wen es treffen wird, fahren wir los in ein Tal und entscheiden uns dort, wo wir an die Türe klopfen. Es gibt kein schöneres Gefühl, an wildfremde Menschen kennen zu lernen und zu sehen, dass ein bisschen von uns für andere sehr viel sein kann....

In diesem Sinne wünsche ich allen im Forum eine schöne Adventszeit, ein hoffentlich gelungenes Weihnachtsfest (jedem das seine) und .... naja, für ein gutes neues Jahr ist es jetzt noch zu früh.....

Liebe Grüsse aus dem nun auch winterlichen Siebenbürgen

Tinu und Family


Bild: Roma Mädchen
https://haken.ch/archuploads/img57415_16285.jpg

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Forelle1958    387
Hallo Tinu

Die tolle, aber auch nachdenklich stimmende Schilderung von eurem zum Glück glimpflich verlaufenen Erlebnis freut mit doppelt:

Dein (aus verständlichen Gründen) selbsternannter Bann scheint gebrochen und vor allem ist hier endlich wieder einmal eine deiner tollen Geschichten zu lesen, die wunderbar zu dieser Jahreszeit und den bevorstehenden Weihnachten passt und hoffentlich viele zum Nachdenken anregt.

Vielen Dank; wir sehen uns hoffentlich bald:)

Liebe Grüsse an dich, Cristina und das Monster aus dem kalten (meist grauen, manchmal etwas weissen) Tösstal
Martin

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Tobi    195
Hey Tinu

Deine Geschichte stimmte Vanessa und mich sehr Nachdenklich. Schön das du mit deinen intressanten Erzählungen auch unsere Adventszeit erhellst. Und noch schöner das du wieder mal was von dir hören lässt. Mir gefallen die Weisheiten und Geschichten aus Rumänien à la Tinu :)

Liebe Grüße und eine schöne Adventszeit

Tobi und Vanessa

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bachwobbler    69
Danke für diesen Beitrag zur "Einstimmung" in die Adventszeit und schön dass du wieder für Haken in die Tasten gehauen hast.

Ich wurde vor einigen Monaten selbst unverhofft in einen recht üblen Autounfall verwickelt, bei welchem mich keine Schuld traf. Mit hoher Geschwindigkeit wurde ich auf die Gegenfahrbahn geschleudert. Trotz Totalschaden am Auto blieb ich glücklicherweise unversehrt und hatte wohl auch einen sehr gutmütigen Schutzengel :rolleyes:. Solche Momente machen einem wirklich sehr nachdenklich und im Endeffekt aber auch wieder sehr dankbar für die alltäglichen Dinge des Lebens: Gesundheit, Arbeit, Essen, Freunde, Familie, eine warme Stube und ein Dach über dem Kopf.

Trotz dem unvemeidlichen Sog des Alltagtrotts mit all den kleinen, "nebensächlichen" Sorgen und Problemen, versuche ich mich diesem vermehrt auch zwischendurch zu entziehen und kurz innezuhalten. So geniesse ich viele Dinge wieder viel intensiver und oft aus einer andern Perspektive. Das macht mich dankbar und zufrieden. Zu diesen Momenten gehören auch die einsamen Stunden am Wasser und in der Natur. So sind auch Schneidertage für mich in diesem Sinne ein "Gewinn" und lassen mich zufrieden nach Hause kehren :squint:

So wünsche ich euch allen, dass auch ihr in der kommenden Adventszeit den einen oder anderen Moment finden werdet, um innezuhalten...

Petri und Gruss

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Samson    2
Danke für die Geschichte!
So wie du die Dinge erzählst bin ich jedesmal Sprachlos (tippen kann ich noch)
Schön dich zurück bei Haken zu haben.

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Gast   
Gast
Hallo Tinu, es freut mich sehr nach so langer Zeit mal wieder etwas hier im Forum von Dir lesen zu dürfen. Deine Geschichten, Erlebnisberichte fehlen mir hier sehr!
Du weist ja Deine Geschichten kommen immer gut bei den Usern an denn Du weist wirklich wie man die Spannung in solch einer Geschichte hält. Ich würde mich sehr drüber freuen wenn Du wieder aktive mitwirken würdest hier im Forum.
Zur Geschichte:
Sie stimmt auch mich sehr Nachdenklich...hier in der westlichen Welt wissen wir mancheinmal gar nicht mehr wie gut wir es haben.
Wir müssen nicht frieren... für uns ist es selbstverständlich das die Wärme aus der Heizung an der Wand kommt, wir müssen keine sorgen haben dank der sozialen Absicherung die es in Rumänien wohl eher nicht gibt. Wir müssen nicht angst haben das am abend wenn wir Heim kommen etwas auf dem Teller ist. All sowas ist für uns alle eine Selbstverständlichkeit die wir mancheinmal gar nicht zu würdigen wissen.
Nu ich finde es wirklich einen klasse Zug von Dir und Familie das Ihr zu Weihnachten eine Tour in die Dörfer macht und eine Familie sich glücklich schätzen kann das Ihr sie besucht, mit für uns kleinen aber dort sehr feinen Gaben. Ich bin ganz ehrlich ich beneide diese Menschen das sie Dich mit Frau und Hund kennen lernen darf.

Ich hoffe unser kennen lernen können wir auch bald mal organisieren.

In diesem Sinne alles Gute Euch dreien!!!



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romawe    0
Liebe Rumänien Interessierte....

ich schreibe diese Überschrift explizit, da ich weis, dass sich einige eher nerven ab meinen Stories, sich hier im Forum aber trotzdem viele Leser finden. Ich habe nicht im Sinn, mich wieder aktiv am Forum zu beteiligen... ein angeschossenes Wild meidet des Jägers Hochsitz... aber ich werde ab und zu wieder eine Spur von mir hinterlassen.... so hat der Jäger nichts zu schiessen und die Naturfreunde finden Spuren im Schnee.... ;)

Ich will euch noch etwas schreiben zu Rumänien. Damit keine Missverständnisse entstehen....
Rumänien ist keinesfalls noch im Mittelalter. Bukarest ist eine Millionenmetropole und viele kleinere Städte, schön verteilt auf die ganze Fläche des Landes, verfügen über eine Infrastruktur wie man sie in einer süditalienischen oder spanischen Kleinstadt finden kann. Rumänien hat eine gesamteuropäisch gesehen gute Wirtschaftsbilanz.... auf dem Papier.... die ganzen Statistiken täuschen aber.... Arbeitslosigkeit wird mit weniger als 9% angegeben.... schön wär's..... bei Wahlen weiss die Regierung nicht einmal, wie viele Wahlberechtigte es gibt im Land.... Kaum einer meldet seinen Arbeitslosigkeit an, da es vom Staat eh nichts gibt.... das Sozialsystem ist bankrott, ja es hat es nie wirklich gegeben. Trotzdem fliessen Gelder aus der EU in Milliardenhöhe nach Rumänien.... und versickern in Prestigeprojekten, in den Taschen korrupter Politikern oder werden ganz einfach für andere Zwecke ausgegeben als vorgesehen...

Die Schere zwischen reich und arm ist weit offen, ja fast überspannt....
Ist es normal, dass ein Mitarbeiter im Hornbach Baumarkt pro Monat soviel verdient, dass er sich damit knapp einen Akkuschrauber kaufen kann...? Kann es sein, dass die Angestellte im Mac Donald pro 10 Stunden Schicht soviel verdient, wie eine Familie für zwei BigMac Menues und zwei Happy Meal bezahlt? Würdest du als Filialleiter einer Grossbank 180 Stunden arbeiten, um damit 260 Litern Benzin kaufen zu können...? Die boomenden 90'er Jahre haben in Rumänien für Aufschwung gesorgt... Löhne waren fast auf deutschem Niveau, Kredite wurden verteilt als müsste man sie nie mehr zurück bezahlen... dieser Aufschwung brachte damals eine gewisse Mittelschicht hervor, die heute noch von dieser Zeit zerrt. Doch ist das Land sowie deren Bürger heillos überschuldet. Kaum eine Familie, die nicht jeden Monat den letzten Cent zusammen klaubt um Kreditraten zurück bezahlen zu können... Es ist eine Scheingesellschaft, die nach aussen einen passablen Wohlstand widerspiegelt, nach innen aber Hungertuch nagt...
Wer ein bisschen aus der Stadt raus fährt, bekommt mit, wie die Landbevölkerung täglich um die Existenz bangt. Ein Besuch in einem kleinen Lebensmittelladen ist der beste Beweis dafür. Nahezu alle verpackten Artikel werden im Geschäft geöffnet und in Kleinstmengen verkauft... Ganze Packungen sind schlicht zu teuer... 5 Euro pro Tag müssen reichen, um einen Dreigenerationen Haushalt zu führen.... Ich spreche hier nicht vom hören sagen, sondern erlebe es in der Familie meiner Lebenspartnerin 1:1.
Wir sprechen nie über unser Geschäft, was wir für Auslagen haben oder was wir an Einnahmen versteuern müssen. Aber wir helfen oft in einem uns möglichen Rahmen. Selbst da ist der Stolz des Familienvaters meist zu gross um Hilfe anzunehmen. Erst wenn der Ofen im Winter kalt bleibt oder das Geld für dringende Medikamente fehlt dürfen wir einspringen.

Rumänien ist ein Land voller Gegensätze.... so, wie man es von südamerikanischen oder asiatischen Ländern kennt. Aber wir sind gerade mal 600 Kilometer Luftlinie von der Schweiz entfernt.... und gehören zur Europäischen Union. Nächstes Jahr werden es 25 Jahre her sein, dass der Diktator Ceausescu hingerichtet wurde.... Sein Sohn hat damals wenige Wochen später gesagt:
"Ihr habt meinen Vater ermordet, aber ihr werdet nicht mal im Stand sein, das von ihm Erbaute im Stand zu halten"

Wie recht er doch hatte.... viele wünschen sich die Zeit zurück, in dem jeder Arbeit hatte, jeder seine Mahlzeit bekam und Kriminalität nicht existierte.... Rumänien hat noch einen langen Weg vor sich, um zu sozialem Frieden und Wohlstand zu kommen.

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flintfish    9
Hoi Tinu

Welcome back :) - auch wenn Du nicht mehr regelmässig Deine Beiträge posten wirst, wie früher :)
Auch vielen Dank für Deine (erste?) Adventsgeschichte. Ohne diese würde im Haken doch etwas fehlen.

Ich weiss ja, dass Christina und Du aktuell einen Haufen Arbeit zu bewältigen haben, schön, dass Du doch noch Zeit gefunden hast uns auch wieder einmal über Deine Wahlheimat zu informieren :)

Auch ich wünsche Euch eine schöne Adventszeit und schon bald im neuen Jahr freue ich mich über unser Wiedersehen :squint:

Liebe Grüsse
Peter (auch vom Anhang :))

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novo    0
Danke Tinu
Habe mich Mega gefreut wieder etwas von Dir Lesen zu dürfen
Wüsche Dir und deiner Familie eine Gute und besinnliche Zeit

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